9. September 2010

Versandapotheken

Schrecken oder Segen – Versandapotheken in Deutschland auf dem Vormarsch

Online-Apotheken, Apothekenketten von der Größe der internationalen Textilhandelsketten oder Medikamente im Drugstore – unsere Nachbarn in Europa und auch die Einwohner der USA sind uns im öffentlichen Bewusstsein, wie eine gute pharmazeutische Versorgung der Bevölkerung aussehen kann, weit voraus. Auch wenn das Fremdbesitz-Verbot in Deutschland nur gelockert und nicht aufgehoben ist, denn ausschließlich 4 Filialen sind pro Apotheker erlaubt, so verändert sich die pharmazeutische Handellandschaft in den letzten Jahren sehr stark. Der Markt für Versandapotheken boomt.

Was unterscheidet die Versandapotheke von der klassischen Apotheke in der Fußgängerzone?
Zunächst einmal recht wenig. Eine Versandapotheke gehört immer einem Apotheker und kann auch nur vom einem ausgebildeten Pharmazeuten geführt werden. Oft besitzt er eine klassische Filiale in der Innenstadt und betreibt aus räumlichen Gründen eine Versandapotheke am Rande der City. Dabei handelt es sich um einen Lagerraum mit entsprechender Kühlung für die Medikamente und das Ergänzungssortiment sowie um einen administrativen Bereich, der für die Logistik zuständig ist. Beliefert werden beide Apotheken vom Pharmagroßhandel. Im Unterschied zur Einzelhandels-Apotheke bekommen die Patienten keinen Apotheker und keine PTA zu Gesicht, sondern schicken ihre Medikamentenbestellung online direkt an die Apotheke. Bestellungen mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln werden ebenfalls ausgeführt, wenn das Rezept per Post im Original an die Apotheke geschickt wird. Die Mitarbeiter der Versandapotheke bearbeiten die Bestellung kurzfristig und sind über eine Hotline bei Rückfragen von den Kunden telefonisch zu erreichen. Bezahlt wird mit Kreditkarte, per Nachnahme oder auf Rechnung. Anonym und fix geht es bei Versandapotheken zu, beratungsintensiv und persönlich in der Apotheke um die Ecke.

Warum entscheiden sich immer mehr Patienten für die Versandapotheke?
Auf den ersten Blick gibt es zunächst keinen Grund die klassische Apotheke nicht mehr aufzusuchen, denn die deutschen Innenstädte haben eine der höchsten Apothekendichten in Europa. Patienten stolpern förmlich über sie, oft sind sie direkt in Ärztehäusern angesiedelt. Dennoch nimmt der Marktanteil der Versandapotheken stetig zu. Hauptgrund für den Anstieg ist der Preis. Seitdem in Deutschland die Preisbindung für nicht-verschreibungspflichtige Medikamente gefallen ist, gibt es keine fixen Arzneimittelpreise mehr für dieses Sortiment. Versandapotheken werden mit Rabatten, mit Sonderaktionen oder dem Angebot der Woche. Im Internet finden sich zahlreiche Portale, die Apothekenpreise wie Versicherungen vergleichen und ermitteln in welcher Online-Apotheke ein bestimmtes Schmerzmittel tagesaktuell am günstigsten ist. Rezeptpflichtige Medikamente, die gesetzlich nicht rabattfähig sind, bekommen Patienten bei einigen Online-Anbietern ebenfalls günstiger, da sie als Kundenbindungsmaßnahme die Rezeptgebühr ermäßigen oder ganz wegfallen lassen. Für chronisch Kranke, die regelmäßig Medikamente beziehen, ist dieses Angebot nicht unerheblich. Die Bestellungen in Versandapotheken können rund um die Uhr erfolgen, Öffnungszeiten spielen keine Rolle mehr. Wer Beratung wünscht, erhält sie per Telefon, manchmal sogar mit kostenlosem Rückruf.

Wird die klassische Apotheke aus den deutschen Innenstädten verschwinden?
Die Apotheken in den Citys mögen im Laufe der nächsten Jahre weniger werden, verschwinden wird die Dienstleistung des Apothekers nie. Stammkunden, die seit Jahren oder Jahrzehnten in ihre Apotheke und zu ihrem Apotheker gehen, werden dieses Verhalten wegen monetärer Gründe nicht aufgeben. Gesundheit ist ein sensibles Thema, die persönliche Betreuung dabei für kranke und vor allem ältere Menschen ein absoluter Mehrwert. Viele Apotheken (Apothekenvergleich) liefern Medikamente, die erst im Großhandel bestellt werden müssen, am Abend direkt zu ihren Kunden nach Hause. Die Lieferung der Versandapotheke muss dagegen von Berufstätigen mühsam zu den Öffnungszeiten der Post dort abgeholt werden. Auch das Angebot von Dienstleistungen wie regelmäßige Cholesterinwert-Kontrolle, Blutdruckmessung und Osteoporose-Vorsorge führt dazu, dass Patienten ihren klassischen Apotheken treu bleiben.

Wie gehen Patienten mit der Liberalisierung des Apothekenmarkts um?
Die Marktforschungen zur pharmazeutischen Landschaft in Deutschland zeigen, dass ähnlich wie in anderen Branchen deutliche Zielgruppen entstehen. Die unterschiedlichen Apothekenmodelle sprechen gezielt ihr Klientel an. Lifestyle-Medikamente wie Nahrungsergänzungsmittel werden ohne Bedenken im Versandhandel bestellt, zumal es dort günstiger ist; herzkranke Senioren machen sich aber jede Woche noch weiterhin auf dem Weg zum persönlichen Gespräch mit ihrem Apotheker. Der Medikamentenmarkt ist nicht zuletzt durch das zunehmende Durchschnittsalter der Bevölkerung ein Wachstumsmarkt, dennoch werden die Apotheken zu den Verlierern zählen, die ihre Positionierung nicht auf die Stärken ihres eigenen Geschäftsmodells radikal ausrichten.